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Strategie und Taktik der demokratischen, antiimperialistischen und sozialistischen Revolution als Lehre aus der Oktoberrevolution

Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MLPD, Beitrag Nr. A05 für die „Internationale Internetdiskussion zur Bedeutung 100 Jahre Oktoberrevolution“

 

Die Oktoberrevolution in Russland 1917 war ihrem Charakter nach Teil der internationalen Revolution und wurde von Lenin bewusst so eingeordnet, auch wenn sie der Form nach auf Russland beschränkt blieb. Auch heute gilt es, jede Revolution einzuordnen in die Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution und ihren konkreten Verlauf. Das besondere Wesen der Oktoberrevolution ist unter anderem aus ihren zwei Etappen bestimmt: Sie baute auf der demokratischen Februarrevolution gegen die Zarenherrschaft auf und vollzog als sozialistische, proletarische Revolution die soziale Befreiung der Arbeiterklasse vom russischen Imperialismus.

Dazu schrieb Lenin:

"Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland (im April 1917 – d. Verf.) besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss." (Lenin Werke Bd. 24, S. 4).

Erst der Sturz des brutalen Zarenregimes ermöglichte, dass sich die Arbeiter- und Massenbewegung, sowie die organisierte Kraft der bolschewistischen Partei für die proletarische Revolution stärken konnte. Erst jetzt entstand auch innerhalb der Sowjets eine bolschewistische Mehrheit, die die Arbeiter, das Landproletariat und die kleinen Bauern für die proletarische Revolution mobilisierte.

Die Dialektik von demokratischer und sozialistischer/proletarischer Revolution ist grundlegend. In den „alten“ imperialistischen Ländern der Welt wurden die demokratischen Revolutionen bereits in den letzten Jahrhunderten vollzogen. Die vom alten Kolonialismus ausgebeuteten und unterdrückten Länder erlangten zumeist im letzten Jahrhundert durch erbitterte demokratische Kämpfe und Revolutionen formale Unabhängigkeit. Sie wurden aber durch ein neuartiges System des Neokolonialismus weiter vom Imperialismus ausgebeutet und unterdrückt.

Mit dem Zusammenbruch des Blocks der bürokratisch-kapitalistischen Länder entstand ein einheitlicher Weltmarkt und die Neuorganisation der internationalen Produktion wurde zu einer wesentlichen Veränderung im imperialistischen Weltsystem. Mit der Internationalisierung der Produktivkräfte und der sich immer weiter ausbreitenden Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals über die ganze Welt, entwickelten sich einige ehemals neokolonial abhängige Länder zu kapitalistischen oder gar neuimperialistischen Ländern. Andere wurden vom Imperialismus so zerrüttet, dass sie oft nicht einmal mehr funktionierende Staatsapparate und Infrastruktur haben. Doch selbst in diesen Ländern haben es die Arbeiter und breiten Massen mit dem allein herrschenden internationalen Finanzkapital zu tun, das ihre Rohstoffe und Arbeitskräfte ausbeutet, ihr Land besetzt usw.

In allen Ländern mit kapitalistischer Produktion - so unterschiedlich weit sie auch fortgeschritten ist - durchdringt sich seither die nationale Bourgeoisie aufs Engste mit dem allein herrschenden internationalen Finanzkapital. Zu einem schier unentwirrbaren Knäuel sind ihre Investitionen, Finanzströme, das in Maschinen und Anlagen angelegte Kapital, ihre Fabriken wie in Joint Ventures, das Agrarkapital usw. miteinander verbunden. Das ist der innere Grund, dass in diesen Ländern sowohl die nationale, als auch die soziale Befreiung mit dem Hauptstoß gegen die herrschende Klasse im eigenen Land, nur im Verbund mit dem weltweiten Sturz des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals vollendet werden kann.

In dem Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ schrieb Stefan Engel 2011 über die Länder, die nach imperialistischer Macht streben:

Um die Voraussetzungen für den Aufbau des Sozialismus zu schaffen, müssen die Revolutionäre – unter Führung des internationalen Industrieproletariats, im Bündnis mit den breiten Massen und mit Teilen der nichtmonopolistischen nationalen Bourgeoisie – auch in diesen Ländern noch Aufgaben der Agrarrevolution lösen, Rückständigkeit und Einseitigkeit der Wirtschaft und feudale Überreste überwinden (…) Je mehr sich der imperialistische Charakter dieser Länder durchsetzt, desto mehr werden revolutionäre Aufstände in den industriellen Zentren den Charakter als proletarische Revolution bestimmen (S. 329/330).

Der grundlegende Charakter einer Revolution wird durch die qualitativ erreichte Entwicklungsstufe der jeweiligen Gesellschaft bestimmt. Hat sich ein Land zu einem imperialistischen Land verändert, so steht die Vorbereitung einer sozialistischen Revolution auf der Tagesordnung. Aufgrund der Reste neokolonialer Ausbeutung und Unterdrückung oder feudaler Strukturen, besonderer Formen der nationalen, rassistischen oder sonstigen Unterdrückung, muss damit eine demokratische Revolution einhergehen bzw. diese als erste Etappe der sozialistischen Revolution verwirklicht werden.

Lenin wehrte sich nach der Februarrevolution 1917 gegen Einwände verschiedener Dogmatiker, die vertraten, dass die demokratische Revolution noch nicht vollendet und deshalb die sozialistische Revolution verfrüht sei. Als hauptsächliches Kriterium machte Lenin aus, ob die Macht bereits in die Hände einer neuen Klasse gegenüber der feudalen Zarenherrschaft übergegangen ist. Die Hauptseite der Revolution im Februar 1917 bestand Im Übergang der Staatsmacht an die Bourgeoisie (…) Insoweit ist die bürgerliche bzw. bürgerlich-demokratische Revolution in Russland abgeschlossen (Lenin Werke Band 24, S. 26). In der Nebenseite mussten noch feudale Überreste überwunden werden. Lenin wendet sich dagegen „eine auswendig gelernte Formel (zu) wiederholen, anstatt die Eigenart der neuen, der lebendigen Wirklichkeit zu studieren“ (ebenda).

Ist ein Land imperialistisch, so kann nur die sozialistische Revolution die demokratische Befreiung vollenden. „Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution“ schreibt Lenin: Wir haben die Fragen der bürgerlich-demokratischen Revolution während des Vorrückens, im Vorbeigehen, als „Nebenprodukt“ unserer hauptsächlichen und eigentlichen, unserer proletarisch-revolutionären, sozialistischen Arbeit gelöst.“ (Lenin Werke Band 33, S. 34) Der Kampf um demokratische Befreiung stärkt die Kräfte der sozialistischen Revolution - die sozialistische Revolution erkämpft die konsequente demokratische und soziale Befreiung.

Es gibt Einwände, dass in neuimperialistischen Ländern zunächst eine antiimperialistische Revolution anstehe und die Vorbereitung der sozialistischen Revolution die Kräfte des antiimperialistischen Kampfes schwäche. Die Dialektik von demokratischer und sozialistischer Revolution kann aber nicht durch metaphysisches Nacheinander und starre Abgrenzung ersetzt werden. Ihr grundlegender Zusammenhang muss mit einer konkreten Analyse der konkreten Situation auf dem Niveau der Lehre von der Denkweise, entsprechend den jeweiligen Besonderheiten analysiert und schöpferisch angewendet werden. Die konkreten Formen in den jeweiligen Ländern sind so vielfältig wie das Leben. So ist in der neuimperialistischen Türkei unter der Herrschaftsform des Faschismus eine antifaschistische demokratische Ordnung unter Führung der Arbeiterklasse der nächste Schritt auf dem Weg zur sozialistischen Revolution. Darin ordnet sich der Kampf um nationale Befreiung des unterdrückten kurdischen Volkes ein. Im neuimperialistischen Südafrika werden der Kampf zur vollständigen Überwindung des rassistischen Apartheidregimes, im neuimperialistischen Indien die Zerschlagung des feudalen Kastensystems Teil oder sogar der nächste strategische Schritt auf dem Weg zur sozialistischen Revolution sein.

Auch die Kampfformen müssen dialektisch behandelt werden. Die Oktoberrevolution war zunächst ein bewaffneter Aufstand. Das bezog sich aber nur auf den Sturz der bürgerlichen Macht. Nach der Revolution musste bis 1924 ein Partisanenkampf gegen verschiedene feudale Fürsten, bzw. ein antiimperialistischer Widerstandskrieg gegen den Überfall mehrerer kapitalistischer und imperialistischer Länder zur Zerstörung des Sozialismus geführt werden.

Zweifellos hat sich das Potential für den bewaffneten Aufstand der Arbeiterklasse deutlich erweitert und erhöht: Durch das erhebliche Anwachsen der Arbeiterklasse in neuimperialistischen Ländern, die Proletarisierung weiterer Schichten der Gesellschaft und die Verbrüderung immer breiterer Teile der Unterdrückten mit der Arbeiterklasse. Der bewaffnete Aufstand steht in dialektischer Wechselwirkung mit demokratischen Aufständen und Kämpfen, zeitweiligen Volkskriegen usw.

Die internationale sozialistische Revolution besteht aus der ganzen Bandbreite demokratischer und sozialistischer Revolutionen und ihrer Kombination. Die Revolutionäre der Welt müssen die jeweilige Situation ihres Landes konkret analysieren. Es gilt die konkrete Dialektik von Kampf um Demokratie und Freiheit und Kampf um den echten Sozialismus, von nationaler und internationaler Revolution aufzufinden. Das wird die Potentiale der internationalen sozialistischen Revolution erheblich erweitern!

Gabi Fechtner (geborene Gärtner), Parteivorsitzende der MLPD

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