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„Strategie und Taktik des bewaffneten Aufstands, …“

Bolschewistischen Partei (NordKurdistan/Türkei), Beitrag A15 für die „Internationale Internetdiskussion zur Bedeutung 100 Jahre Oktoberrevolution“, 24. September 2017

 

Die Erfahrungen 1905’er Revolution in Russland auswertend hat Lenin die marxistische Theorie des Zusammenhangs der demokratischen und sozialistischen Revolution weiterentwickelt. Die demokratische und die sozialistische Revolution sind im proletarischen Klassenkampf aufeinanderfolgende Etappen einer ununterbrochenen Revolution.

Was unterscheidet diese zwei Etappen voneinander? Die demokratische Revolution richtet sich nicht gegen den Kapitalismus und gegen die Bourgeoisie insgesamt. Sie richtet sich gegen bestimmte Teile der Bourgeoisie und die Grundherren; gegen die Abhängigkeit von imperialistischen Mächten, wobei andere Teile der Bourgeoisie als Teil des „Volkes“ in dieser Etappe der Revolution mitmachen. Das ist keine proletarische sondern eine „Volks“revolution. D.h. eine Revolution, „des Proletariats und der Bauernschaft, wenn man die grundlegenden ausschlaggebenden Kräfte nimmt, und ländliche und städtische Kleinbourgeoisie (die auch zum „Volk“ gehört) zwischen beiden aufteilt.“1

Das Proletariat als die einzig konsequent revolutionäre Klasse der modernen kapitalistischen Gesellschaft am meisten daran interessiert, dass die demokratische Revolution am radikalsten bis zum Ende durchgeführt wird. Sie kämpft mit den bürgerlichen Kräften, die an der demokratischen Revolution teilnehmen um die Führung dieser Revolution. Das politische Machtziel des Proletariats ist die Zerschlagung der alten Herrschaft durch die Volksrevolution und die Errichtung der „Revolutionären Diktatur der Arbeiter und Bauern.“ Je radikaler die demokratische Etappe der Revolution unter Führung des Proletariats vor sich geht, desto schneller ist der Übergang zu der Diktatur des Proletariats und damit zum Sozialismus möglich.

Das Klassenbündnis der Diktatur des Proletariats ist das Bündnis des Proletariats aller Werktätigen und Ausgebeuteten. Das politische Bündnis mit Teilen der Bourgeoisie ist im Sozialismus ausgeschlossen. Denn die sozialistische Revolution richtet sich gegen die Bourgeoisie als Klasse insgesamt. Je nach der konkreten Situation des Landes geht die Kommunistische Partei bei der Enteignung der Bourgeoisie zuerst gegen die Großbourgeoisie vor und kann bzw. teilweise muss sie kleine, teilweise mittlere kapitalistische Wirtschaften eine Zeitlang kontrolliert dulden. Das bedeutet aber nicht die Kleinbourgeoisie an der politischen Macht zu beteiligen.

Die Bolschewiki gaben 1905 die Klassenlosung des Proletariats in der demokratischen Revolution aus: „An der Spitze des ganzen Volkes und besonders der Bauernschaft - für die volle Freiheit, für die konsequente demokratische Umwälzung, für die Republik! An der Spitze der Werktätigen und Ausgebeuteten - für den Sozialismus.“2

Zwischen diesen zwei Etappen der Revolution gibt es keine chinesische Mauer. Keine Rast, kein Warten bis die Aufgaben der demokratischen Etappe vollständig gelöst wird. Auch unter der Diktatur des Proletariats können die, von der demokratischen Revolution noch nicht gelösten Aufgaben, gelöst werden. Lenins Plan ist:

von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewußten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehenbleiben.“3

 

Diese Lehren von Lenin, die in der russischen Revolution in der Praxis überprüft und zur materiellen Kraft wurden, sind von den Revisionisten bis zur Unkenntlichkeit verflacht worden. Aber auch nicht wenige Marxisten-Leninisten haben sich von dieser Theorie weg entwickelt. Der glasklare Unterschied zwischen der revolutionären Diktatur der Arbeiter und Bauern, und der Diktatur des Proletariats wurde nach dem zweiten Weltkrieg verwischt, aufgehoben und mit der Theorie ersetzt, die neu entstandenen Staaten der Volksdemokratien seien „eine Form der Diktatur des Proletariats“.

Heute aktuell werden zum Beispiel mit der Theorie „der neuimperialistischen Länder“ für viele Länder die wirklichen Machtverhältnisse falsch eingeschätzt. Die marxistisch-leninistische Kategorie „der abhängigen Länder“ wird einfach ausradiert. Viele Staaten, die heute nach wie vor vom Imperialismus abhängig sind, wie z.B. die Türkei, Indien, werden zu neuimperialistischen Ländern erklärt. Für sie, steht laut dieser Theorie, keine antiimperialistische, demokratische, vielfach auch antifaschistische „Volks“Revolution mehr an, sondern die sozialistische Revolution.

 

* Ein Grundprinzip des Leninismus war für die Bolschewiki in der Oktoberrevolution glasklar: Die grundlegende Veränderung der herrschenden Verhältnisse ist nur durch gewaltsame Revolutionen möglich. Sie wussten: „Die großen Fragen der politischen Freiheit und des Klassenkampfes werden letzten Endes nur durch Gewalt entschieden.“4 Unter der revolutionären Gewalt verstanden die Bolschewiki vor allem die Gewalt der Massen in einer revolutionären Situation. Diese wird nicht von irgendeiner revolutionären Vorhutorganisation hervorgerufen, sondern entsteht spontan. „Offene politische Aktion der Massen kann durch keinerlei Putsch ersetzt oder künstlich hervorgerufen werden.“5

Die Frage für die revolutionäre Organisation ist, ob sie darauf vorbereitet und so imstande ist, in einer solchen revolutionären Situation die revolutionäre Gewalt der Massen in Richtung Revolution zu lenken. Lenin und die Bolschewiki lernten von Marx und Engels, dass den Aufstand der Massen zu führen und zu lenken eine Kunst ist und mit dem Aufstand nicht gespielt werden darf.

Auch in dieser Frage gibt es heute viele Fehler in der linken Bewegung. Der Revisionismus hat praktisch die Revolution und die revolutionäre Gewalt völlig abgeschrieben. Seine „Strategie“ ist es auf den parlamentarischen Kampf zu setzen, um zum Sozialismus zu kommen.

Bei revolutionären Strömungen wiederum ist oft ein „linker“ Fehler sehr präsent: Im Namen des Volkskriegs wird häufig der Kampf der Massen, durch bewaffnete Aktionen der Vorhutorganisationen ersetzt. Nicht die Massen sind das Subjekt des revolutionären Handelns, sondern von den Massen weitgehend losgelöste revolutionäre Organisationen.

 

* Mit ihrer klaren Theorie gewappnet gingen die Bolschewiki in die Kämpfe der Februarrevolution. Das Proletariat und die Bauern kämpften gegen Krieg und für Brot und für den Sturz des Zarismus. Aber die Bourgeoisie versuchte den Sieg über das Zarentum, für ihre eigene Macht zu reklamieren. Zwei Machtzentren (Doppelherrschaft) entstanden. Auf der einen Seite die Diktatur der Bourgeoisie in Form der Provisorischen Regierung und auf der anderen die Revolutionäre Diktatur der Arbeiter und Bauern in Form der Sowjets. In dieser Situation hat die Partei der Bolschewiki die Hauptlosung ausgegeben „Alle Macht den Sowjets“. In den Sowjets verfügten lange Zeit die opportunistischen Gruppen über die Mehrheit. Sie wollten nur an der bürgerlichen Macht teilhaben.

Für die Bolschewiki war die Losung „Alle Macht den Sowjets“ mit der Aufgabe verbunden, die Mehrheit der Sowjets für die proletarische Revolution zu gewinnen. Als es soweit war, als die bolschewistische Politik die Mehrheit der Werktätigen in den Sowjets überzeugte, und damit die Mehrheit des Proletariats und der armen Bauern auf ihrer Seite stand, haben die Bolschewiki keine Sekunde gezögert: Sie riefen zum von ihnen geführten bewaffneten Aufstand auf!

Am Vorabend des Angriffs auf das Winterpalais, dem Sitz des Ministerrats der bürgerlichen Regierung rief Lenin die Mitglieder des ZK zum revolutionären Handeln auf:

Genossen! Ich schreibe diese Zeilen am 24. abends. Die Lage ist über alle Maßen kritisch. Es ist sonnenklar, daß jetzt eine Verzögerung des Aufstands schon wahrhaftig den Tod bedeutet. Unter Aufbietung aller Kräfte bemühe ich mich, die Genossen zu überzeugen, daß jetzt alles an einem Haar hängt, daß auf der Tagesordnung Fragen stehen, die nicht durch Konferenzen, nicht durch Kongresse (selbst nicht durch Sowjetkongresse) entschieden werden, sondern ausschließlich durch die Völker, durch die Masse, durch den Kampf der bewaffneten Massen. Der Ansturm der Bourgeoisie, der Kornilowleute, die Entfernung Werchowskis zeigt, daß nicht gewartet werden darf. Man muß um jeden Preis heute abend, heute nacht die Regierung verhaften, nachdem man die Offiziersschüler entwaffnet hat (sie besiegt hat, wenn sie Widerstand leisten) usw.

Man darf nicht warten!! Man kann alles verlieren!!

Die Regierung wankt.Man muß ihr den rest geben,koste es was es wolle!

Eine Verzögerungder Aktion bedeutet den Tod“6

Nur so konnte die Oktoberrevolution siegen, und so hat sie gesiegt.

Vom Oktober lernen, heißt von Lenin lernen, heißt siegen lernen!

 

 

1 Lenin, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, LW, Bd. 9, S. 43

2 Lenin, ebenda, S. 104

3 Lenin, „Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung“, LW, Bd. 9, S. 232

 

4 Ebenda, S. 16

5 Ebenda, S. 59

6 Lenin, „Brief an die Mitglieder des ZK“, LW, Bd. 26, S. 223-224)

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