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Die Oktoberrevolution und der Kampf gegen Rechtsopportunismus und linke Abweichungen

Einleitung zu Block 5, K. N. Ramachandran, Generalsekretär, CPI(ML) Red Star, 29. Oktober 2017

 

  1. Die große Oktoberrevolution konnte verwirklicht werden, weil ein kompromissloser Kampf gegen rechte und linke Abweichungen in der kommunistischen Bewegung geführt wurde – außer anderen grundlegenden Merkmalen des Kampfs der Bolschewiki. Es war der ideologische Kampf des revolutionären Marxismus gegen den Revisionismus und linke Abweichungen, gegen die Menschewiki und die Volkstümler. Dieser Kampf ging diesem großartigen Sieg voraus.

  2. Wie Lenin erklärte, hat der Marxismus von Anfang an gegen diese feindlichen Theorien gekämpft. Im Wesentlichen war die erste Etappe dieses Siegs in den 1890er Jahren vollendet. Sogar in den romanischen Ländern, in denen sich die proudhonistischen Traditionen am längsten hielten, konnten die Arbeiterparteien ihre Programme und ihre Taktik auf marxistischen Grundlagen aufbauen. Die II. Internationale hat mithilfe regelmäßiger internationaler Kongresse marxistische Standpunkte entwickelt. Aber dann begannen die dem Marxismus feindlichen Lehren andere Kanäle zu suchen. Die Formen und Inhalte änderten sich, aber der Kampf ging weiter.

  3. Mit der beginnenden Veränderung des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus oder Imperialismus, als diese Umwandlung und die territoriale Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Mächte mit dem beginnenden 20. Jahrhundert sich beschleunigten, entstanden falsche Auffassungen darüber, wie diese Entwicklungen zu beurteilen seien. Durch Begriffe wie Ultra-Imperialismus versuchten die Reformisten innerhalb der II. Internationale, angeführt von Führern der deutschen sozialdemokratischen Partei, das barbarische Wesen des entstehenden imperialistischen Systems zu verwässern. Sie einigten sich gütlich mit ihm im 1. Weltkrieg, was zur Liquidierung der II. Internationale führte.

  4. Im Unterschied zu den Anarchisten erkennen die Marxisten den Kampf um Reformen an, das heißt, Kämpfe für Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenslage der arbeitenden Menschen. Gleichzeitig führen sie einen entschlossenen Kampf gegen die Reformisten, die die Ziele und Aktionen der Arbeiter auf die Erringung von Reformen beschränken. Der Reformismus ist eine bürgerliche Täuschung der Arbeiter. Je stärker der reformistische Einfluss unter ihnen, desto schwächer werden sie: Je stärker ihre Abhängigkeit von der Bourgeoisie, umso leichter ist es für die Bourgeoisie, erreichte Reformen zunichte zu machen. Je unabhängiger die Arbeiterbewegung, desto tiefgehender und umfassender sind ihre Ziele; je freier sie ist von reformistischer Beschränktheit, desto einfacher ist es für die Arbeiter, diese Errungenschaften zu bewahren und weiterzuentwickeln. Mit dem Aufkommen von Strömungen der Klassenzusammenarbeit auf der Grundlage falscher Beurteilungen des Wesens des Imperialismus erstarkten reformistische Tendenzen; der Revisionismus wurde zum Haupthindernis für das Anwachsen des Klassenkampfs. In der Praxis versuchte der Revisionismus die Grundlage des Marxismus zu revidieren, und zwar die Lehre vom Klassenkampf.

  5. Zur Erklärung des anwachsenden Revisionismus in der revolutionären Arbeiterbewegung wies Lenin darauf hin, dass ökonomische Unterschiede unter der Freiheit des „demokratischen“ Kapitalismus nicht abgeschwächt werden, sondern wachsen und sich verschärfen. Der Parlamentarismus beseitigt laut Lenin nicht das innere Wesen der demokratischsten, bürgerlichen Republiken als Organe der Klassenunterdrückung, sondern macht dieses Wesen offensichtlicher. Die Menschewiki wurden unfähig zu einer Agitation und Propaganda zur Vorbereitung der Arbeitermassen auf die Revolution, weil sie sich weigerten, die unabänderliche innere Dialektik von Parlamentarismus und bürgerlicher Demokratie anzuerkennen. Andererseits hat auch die linke Abweichung wie die der Volkstümler die kommunistische Bewegung geschwächt, wenn die Notwendigkeit des ökonomischen Kampfs und aller Kampfformen einschließlich des parlamentarischen Kampfs geleugnet wird.

  6. Lenin führte die Oktoberrevolution erfolgreich zum Sieg, weil er das revolutionäre Herangehen an den Imperialismus, die marxistische Theorie und Praxis entsprechend der neuen Situation entwickelte und kompromisslos gegen die Menschewiki und Volkstümler kämpfte. Dies führte zur Gründung der Sowjetunion, zum Beginn des sozialistischen Aufbaus dort und der Gründung der Kommunistischen Internationale (KI). In Folge dieser epochalen Entwicklungen nahm die kommunistische Bewegung auf der ganzen Welt einen Aufschwung.

  7. Wesentliche Merkmale der gegenwärtigen internationalen und nationalen Lage bestehen darin, dass in den vergangenen Jahrzehnten, besonders nach dem 2. Weltkrieg, die Verschärfung der neokolonialen aggressiven Politik des krisenhaften imperialistischen Systems durch barbarische Methoden zu schweren Rückschlägen der internationalen kommunistischen Bewegung geführt hat. Obwohl seit Anfang dieses Jahrhunderts sich verschiedene Formen des Widerstands gegen das imperialistische System und das herrschende Kompradorensystem in den Ländern unter neokolonialer Herrschaft verstärken, haben die Imperialisten mit allerlei Spaltungsmethoden zur ideologischen Entwaffnung diesen Widerstand erfolgreich zurückgeschlagen. Sie nutzen dazu revanchistische, religiös-fundamentalistische, rassistische Kräfte und Verfechter des Kastenwesens und entfesseln faschistische Tendenzen. Nach der Weltkrise 2008 wurden diese Angriffe weiter verschärft, was überall zum Anwachsen von ultrarechten, faschistischen Kräften führte.

  8. Warum wird der Volkswiderstand dagegen nicht stärker? Hauptsächlich wegen mangelnder starker revolutionärer kommunistischer Parteien, die in der Lage wären, diese Bewegungen zu leiten. Die Überwindung dieser Schwäche ist die Herausforderung, vor der die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker heute stehen.

  9. Die schweren Rückschläge der internationalen kommunistischen Bewegung nach dem Höhepunkt in den 1950er Jahren hatten die hauptsächliche Ursache darin, dass sie keine konkreten Analysen der sehr schnellen Veränderungen besonders während des 2. Weltkriegs und danach gemacht hat. Die Auswertung der vergangenen Rückschläge sollte auch die Entartung der ehemaligen sozialistischen Länder umfassen, ihre Abweichung vom sozialistischen Weg und die Schwächen des „real existierenden Sozialismus“.

  10. Die von der internationalen kommunistischen Bewegung erlittenen Rückschläge verlangen eine ernsthafte Analyse, mindestens seitdem die Sowjetunion anfing, den kapitalistischen Weg zu gehen, und eine sozialimperialistische Supermacht wurde, und eine Analyse des späteren Zusammenbruchs. Obwohl die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) mit der Großen Debatte den ideologischen Kampf gegen diese Abweichung führte, begann sie auch bald, von rechten zu ultralinken Positionen abzuweichen, und ging dann schließlich den kapitalistischen Weg.

  11. Obwohl die kommunistischen Revolutionäre z.B. in Indien versuchten, den Reformismus von CPI-CPI (M) zu kritisieren, und die Probleme der Agrarrevolution und der politischen Machtergreifung aufwarfen, hat dieser ideologische Kampf sich nicht auf Fragen konzentriert wie die Veränderung des Imperialismus von der kolonialen zur neokolonialen Phase; auch haben sie die großen Veränderungen nach 1947 nicht analysiert oder Probleme wie das für Indien typische Kastenwesen. Sie alle folgten dem „chinesischen Weg“, einschließlich dessen „Analyse von Indien als ein halbkoloniales, halbfeudales Land und dem Volkskrieg als Weg der Revolution“. Sie machten noch immer nicht den Versuch, einen indischen Weg zu entwickeln. Während CPI und CPI(M) schematisch den „sowjetischen Weg“ kopierten, so kopierte die CPI(ML) schematisch den „chinesischen Weg der Gefolgsleute Lin Biaos.

  12. Die kommunistischen Revolutionäre standen 1971 vor ihrer Auflösung aufgrund von Schwächen in ihrer Linie und staatlicher Unterdrückung. Bemühungen verschiedener Teile der Mitgliedschaft zur Partei-Reorganisierung seit dieser Zeit machten es notwendig, die Probleme anzugehen, die die CPI-CPI (M) zur Vertretung einer reformistischen Linie geführt hatten und die kommunistischen Revolutionäre zu einer „linken“, abenteuerlichen Linie. Obwohl viele von ihnen die „Linie der Vernichtung“ ablehnten und formal eine Massenlinie vertraten, haben sie nicht versucht, mit dem „chinesischen Wegabzurechnen. Trotz oberflächlicher Veränderungen ihrer Dokumente hielten die meisten marxistisch-leninistischen Gruppen immer noch an der Linie der Einschätzung des Landes als „halbkolonial, halbfeudal“ und der Linie des „Volkskriegs“ fest. Bald darauf haben die meisten von ihnen Abweichungen nach rechts vollzogen. Als anderes Extrem verfolgte die CPI(Maoist) den Weg des „bewaffneten Kampfs als einziger Kampfform“, eine „linke“ Linie des Abenteurertums. Mao Tsetung hat wiederholt erklärt, dass der „Volkskrieg“ eine Strategie unter den einmaligen Bedingungen in China war. Was die CPI(Maoist) während der letzten Jahrzehnte praktiziert, ist nichts anderes als eine aktuelle Version des Volkstümlertums.

  13. Als der US-Imperialismus nach dem 2. Weltkrieg die Führung des imperialistischen Lagers übernahm, leitete er die Verwandlung des Imperialismus zur Phase des Neokolonialismus ein. Dieser war ein neuer Typ kolonialer Herrschaft durch die Machtübertragung an Kompradorenklassen und durch Kontrolle durch das Finanzkapital, Märkte, Technologie und Militärherrschaft. Wo immer nötig, wurden Militärblöcke geschaffen und militärisch interveniert. Wie die KPCh in der Schrift „Die Verfechter des neuen Kolonialismus“ feststellte: „Diese neue Art des Kolonialismus ist ein noch viel gefährlicherer und tückischerer Kolonialismus.“1 Eine neue Weltordnung übte Herrschaft aus durch IWF und Weltbank, später auch WTO, UNO, das politische Instrument des Imperialismus, und durch Militärblocke wie NATO. Diese Veränderungen nicht zu erkennen und die Strategie und Taktik zu entwickeln, sie zu bekämpfen, führte zu den Rückschlägen der sozialistischen Länder und erheblichem Schaden für die kommunistische Bewegung.

  14. Eine andere Tendenz kam in den späten 1970er Jahren auf: Länder wie Indien wurden als kapitalistisch charakterisiert und die entsprechende Etappe der Revolution als sozialistisch. Niemand kann die schnellen Veränderungen der Produktionsweise in diesen Ländern abstreiten. Aber die imperialistische Vorherrschaft hat sich in neuen Formen auch verstärkt. Das Wesen der Großbourgeoisie als Kompradoren hat sich nicht verändert. Die gegenwärtigen Beziehungen zu IWF-Weltbank-WTO, die zunehmende Vorherrschaft von multinationalen Konzernen, die wachsende Bedeutung von ausländischen Direktinvestitionen, wachsender Technologie-Import und zahlreiche andere Punkte weisen darauf hin, dass diese Länder die Phase eines Juniorpartners des imperialistischen Systems, besonders des US-Imperialismus, nicht überwunden haben.

  15. Die Erfahrungen international wie auch in Indien zeigen, dass die kommunistischen Parteien, die in den neokolonial abhängigen Ländern zur Führung der volksdemokratischen Revolution fähig sind und in den imperialistischen Ländern zur Führung der sozialistischen Revolution, ohne kompromisslosen Kampf gegen diese modernen Menschewiki und Volkstümler, ohne die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie und Praxis entsprechend den gegenwärtigen Bedingungen nicht aufgebaut werden können und die Revolution nicht voran gebracht werden kann. Lernen wir von den Beiträgen der Oktoberrevolution und streben wir danach, die Sozialistische Proletarische Weltrevolution voranzubringen im Kampf gegen die Abweichungen des Rechtsopportunismus und „linken“ Abenteurertums.

1 Deutsch: Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung (Oberbaumverlag Berlin, 1970, S. 213)

 

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