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Wesentliche Veränderungen des imperialistischen Weltsystems seit Lenins Imperialismusanalyse

Dieter Ilius, (Mitglied der Redaktion des theoretischen Organs der MLPD, Revolutionärer Weg), Beitrag Nr. A11 für die „Internationale Internetdiskussion zur Bedeutung 100 Jahre Oktoberrevolution“, 13. September 2017

 

Lenin hat den Marxismus entscheidend weiterentwickelt, indem er die Entwicklung des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Imperialismus erforschte. In seinem unübertroffenen Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ definierte er den Imperialismus als „monopolistisches Stadium des Kapitalismus“: „Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.“ (Lenin Werke Bd. 22, S.270/271)

Kleinbürgerliche Theoretiker wie der italienische Philosoph Antonio Negri und der US-Amerikaner Michael Hardt greifen in ihrem im Jahr 2000 veröffentlichten Buch „Empire“ die Leninsche Imperialismusanalyse dagegen als angeblich „vollkommen überholt“ an. Sie behaupten, dass die Welt in eine neue, „jenseits des Imperialismus liegende Phase“ der Entwicklung des Kapitalismus eingetreten sei, wo das internationale Finanzkapital seine ungeheure Macht zur Dämpfung, Regulierung und Neutralisierung der Widersprüche einsetze. Diese „Theorie“ hat seine Vorläufer in der 'Ultraimperialismustheorie' des Sozialdemokraten Karl Kautsky, in der er den Imperialismus als gesellschaftlichen Fortschritt verkaufen wollte.

Die MLPD hat im Gegensatz dazu, auf der Grundlage der Imperialismus-Analyse Lenins, in ihrem theoretischen Organ REVOLUTIONÄRER WEG, die seitdem eingetretenen neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen in der Entwicklung des Imperialismus, insbesondere des deutschen Imperialismus untersucht, und auf dieser Grundlage Schlussfolgerungen für die Strategie und Taktik gezogen. Verschiedene vom Dogmatismus beeinflusste Kräfte sind dagegen der Meinung, dass es seit Lenin lediglich quantitative, aber keine wesentlichen, d.h. qualitativen Veränderungen in der Entwicklung des Imperialismus gäbe. Sie merken nicht, dass sie sich damit gegen Lenin selbst und dessen dialektische Methode wenden. Als Lenin von Januar bis Juni 1916 sein Buch über den Imperialismus schrieb, wurde noch nicht die Weiterentwicklung des Monopolkapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus berücksichtigt. Schon ein halbes Jahr später erwähnte er jedoch im „Rohentwurf der Thesen“ den „Übergang von den Monopolen zum Staatskapitalismus“ (Lenin Werke Bd. 23, S.218) Und in dem Vorwort zur ersten Auflage von „Staat und Revolution“ (geschrieben August/September 1917) schrieb er: „Der imperialistische Krieg hat den Prozeß der Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in staatsmonopolistischen Kapitalismus außerordentlich beschleunigt und verschärft.“ (Lenin Werke Bd.25, S.395) „Diese Stufe der Entwicklung der Weltökonomie haben wir jetzt erreicht, und sie ist die unmittelbare Vorstufe zum Sozialismus.“ (Lenin Werke, Bd. 26, S.387) Die Triebkraft für diese Entwicklung war das Streben nach Maximalprofiten.

Vollständig herausgebildet hat sich der Staatsmonopolistische Kapitalismus als eine neue Stufe in der Entwicklung des Imperialismus im II.Weltkrieg. Willi Dickhut, der Vordenker der MLPD, hat dies in seinem Buch „Der staatsmonopolistische Kapitalismus in der BRD“ allseitig untersucht und qualifiziert und den revisionistischen Verrat an Lenins Theorie des Imperialismus und des staatsmonopolistischen Kapitalismus aufgedeckt. Mit der Entwicklung des Kapitalismus zum Monopolkapitalismus und zum staatsmonopolistischen Kapitalismus veränderte sich auch die Bedeutung und die Rolle des Staates. „Aus einem Vertreter der Interessen des Gesamtkapitals wurde ein Vertreter der Interessen einer Handvoll Monopolkapitalisten … Nur in der Aufgabe der Dämpfung der Klassengegensätze und der Unterdrückung des proletarischen Klassenkampfes behielt der Staat seine alte Rolle als Machtinstrument der gesamten Kapitalistenklasse.“ (Willi Dickhut, Der staatsmonopolistische Kapitalismus in der BRD, S.57/58)

Der II. Weltkrieg erschütterte das imperialistische Weltsystem noch tiefer als der I. Weltkrieg. Die Welt spaltete sich in zwei Lager: das kapitalistische und das sozialistische Lager. Das erleichterte auch den Kolonialländern, das imperialistische Joch abzuschütteln, was die allgemeine Krise des Kapitalismus vertiefte. In Deutschland und anderen imperialistischen Ländern kam es nach den ungeheuren Zerstörungen durch den II. Weltkrieg zu einen langanhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser schuf in den 50er und 60er Jahren die Voraussetzungen für die Internationalisierung des Monopolkapitals. Im REVOLUTIONÄREN WEG 18 hat die MLPD 1979 festgestellt: Multinationale Konzerne gab es bereits vereinzelt im 19.Jahrhundert, besonders in England und Amerika, … aber nach dem II. Weltkrieg war es wie eine Springflut, die sich in fremde Länder ergoss … Die Internationalisierung der Produktion bedeutet eine neue Phase im staatsmonopolistischen Kapitalismus, eine Ausdehnung und gleichzeitig eine stärkere Konzentration der Monopole.“ (S.135/144)

Es entstand das System des Neokolonialismus, das nicht weniger räuberisch wie das alte Kolonialsystem ist. Durch den imperialistischen Kapitalexport haben die Produktions- und Klassenverhältnisse in den unterdrückten, abhängigen Ländern jedoch eine qualitative Veränderung erfahren. In den allermeisten Ländern wurden kapitalistische Produktionsverhältnisse vorherrschend und entwickelte sich eine immer stärkere Klassenscheidung zwischen Proletariat und Bourgoisie. In den meisten Ländern entstand eine mit dem internationalen Finanzkapital verbundene reaktionäre Großbourgosie, die selbst über entwickeltes Industrie- und Agrakapital verfügte. In einer Reihe von Ländern hat dieser Prozess schon in den 1970er Jahren zur Entstehung einheimischer Monopole geführt, die in unterschiedlichem Grad von den Imperialisten abhängig waren. Das hat die Bedingungen für den Klassenkampf und den antiimperialistischen Befreiungskampf in diesen Ländern wesentlich verändert.

Mit dem Sieg des modernen Revisionismus in der UdSSR (XX. Parteitag der KPdSU, 1956), dem Sturz der Diktatur des Proletariats und der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion hatte sich die Weltlage erneut grundlegend verändert. Mit der Entwicklung der Sowjetunion zum Sozialimperialismus entwickelte sich ein bipolares imperialistisches Weltsystem, mit den beiden Supermächten USA und Sowjetunion an der Spitze und den zwei Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt. Das Ende der Ära der sozialimperialistischen Sowjetunion war der politische Ausgangspunkt für eine Neuorganisation der internationalen kapitalistischen Produktion. Diese leitete eine neue Stufe in der Entwicklung des Imperialismus, eine neue Phase des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt ein. Heute wird die Weltwirtschaft von internationalen Übermonopolen beherrscht, was eine qualitative Veränderung der gesellschaftlichen Entwicklung bedeutet. „Die internationale Arbeiterklasse ist die entscheidende gesellschaftsverändernde Kraft in der kapitalistischen Gesellschaft. An ihrer Spitze steht heute das internationale Industrieproletariat als Träger der fortgeschrittensten Produktionsweise und direkter Gegenpol zum alleinherrschenden internationalen Finanzkapital.“ (Programm der MLPD, S. 16)

Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion wurden die Nationalstaaten zu Dienstleistern für die internationale Expansion der Monopole. Der jeweilige Nationalstaat bleibt jedoch unabdingbare politische Machtbasis im Kampf um die Neuaufteilung der Anteile an der internationalen Produktion. Es ist ein kleinbürgerlich-revisionistischer Traum, wenn die revisionistische DKP die Behauptung aufstellt, dass sich der Imperialismus zu Gunsten einer „transnationalen Gewaltmaschinerie“ von den Nationalstaaten löst und diese an Bedeutung verlieren.

Begünstigt durch einen gewaltigen Kapitalexport der imperialistischen Länder Anfang des neuen Jahrtausends und in der Weltwirtschafts- und Weltfinanzkrise 2008-2014 entwickelten sich eine Reihe ehemals neokolonial abhängiger Länder von hauptsächlichen Agrarländern zu kapitalistischen Industrieländern. Durch die Herausbildung von Monopolkapital und staatsmonopolistischen Strukturen entstanden eine Reihe neuimperialistischer Länder, was Ausdruck einer neuen Qualität der allgemeinen Krisenhaftigkeit des multipolar geprägten Imperialismus ist. Es wächst die Gefahr eines Weltkrieges und einer drohenden globalen Umweltkatastrophe, welche die Existenzgrundlagen der Menschheit infrage stellt. Die faschistoide Politik von Trump, die Errichtung einer faschistischen Diktatur in der Türkei, der Rechtsruck verschiedener Regierungen und die Faschisierung der Staatsapparate sind der reaktionäre Versuch des Imperialismus, aus seiner Krisenhaftigkeit herauszukommen. Mit der gesellschaftlichen Polarisierung und der Erosion des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise wächst die Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative. Die führende Kraft im international entstehenden fortschrittlichen Stimmungsumschwung ist das internationale Industrieproletariat. Dies ist eine Herausforderung und Chance für die internationale marxistisch-leninistische und Arbeiterbewegung.

 

Dieter Ilius, (Mitglied der Redaktion des theoretischen Organs der MLPD, Revolutionärer Weg)

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