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Fragen des russischen Imperialismus

Beitrag der MLP Russland zum Seminar über die neuimperialistischen Länder des ECC, Januar 2020

 

Dreißig Jahre sind vergangen seit dem endgültigen Durchbruch der Restauration des Kapitalismus in der UdSSR, der sich im sichtbaren Zusammenbruch der UdSSR ausdrückt. Dies ist ein ausreichender Zeitraum, um jene Erscheinungen zu beurteilen, die sich zu Trends entwickeln und die Entwicklung des postsowjetischen Raums bestimmen, sowohl für den genannten Zeitraum als auch für die nächstliegende historische Perspektive.

 

Die Russische Föderation war das größte Stück der zusammengebrochenen UdSSR. In ihr lebte etwa die Hälfte (145 Millionen Menschen) ihrer Bevölkerung und hier war das wichtigste Industriepotential konzentriert. Noch wichtiger ist, dass sich die wichtigsten Rohstoffquellen in der Russischen Föderation befanden. Die Rohstoffe wurden auf dem ausländischen Markt gut verkauft.

 

So bildete die Rohstoffwirtschaft die finanzielle Grundlage für die Wiedergeburt des Imperialismus in der Russischen Föderation; sie wurde durch die Rüstungsproduktion gestützt, eine notwendige Voraussetzung für den selbständigen Kampf für eine Neuaufteilung der Welt.

 

Etwa das erste Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der UdSSR dauerte es, um die profitablen Besitztümer abschließend unter der ehemaligen revisionistischen Nomenklatur der KPdSU aufzuteilen. Die damit einhergehenden strukturellen Veränderungen wurden geschaffen und für die Arbeit unter den neuen Bedingungen angepasst. Aber schon damals sehen wir die Beteiligung Russlands an den Konflikten, zunächst noch in den postsowjetischen Gebieten, von denen der erste und wichtigste der Konflikt in Transnistrien, der ehemaligen moldauischen SSR, war.

 

In dieser Region war ein bedeutender Teil (60%) der Industrie der moldawischen SSR konzentriert, fast alles Betriebe des militärisch-industriellen Komplexes, der Eisenmetallurgie und die wichtigsten Stromerzeugungskapazitäten.

 

Während eines kurzen und nicht sehr blutigen Konflikts 1992 mit den schwachen Zentralbehörden in Chisinau, die außer Polizei- und Milizeinheiten überhaupt keine Armee hatten, wurde formal die Transnistrische Moldauische Republik (DMR) gebildet und entwickelt. Es war ein geeignetes Versuchsfeld, um „graue“ Pläne für die Führung einer halblegalen Wirtschaft, die Herstellung von Waffen und andere Aktivitäten in einer eigenartigen „Piratenrepublik“ zu praktizieren. Es ist ein Staatsgebilde, das kaum mit internationalen Verträgen und bilateralen Verpflichtungen belastet ist.

 

Die Erfahrungen, die im Laufe der Zeit am Beispiel der DMR gesammelt wurden, waren recht nützlich für die Organisation einer ganzen Reihe solcher Quasistaaten, die die Russische Föderation umgeben: Südossetien, Abchasien, Lugansker und Donezker Volksrepublik, Karabach. Dies ist eine der wichtigen Besonderheiten des russischen Imperialismus, wenn sich der Staat scheinbar nicht direkt einmischt, sondern heimlich handelt, indem seine treuen Agenten unter verschiedenen nationalen, kulturellen oder religiösen Flaggen agieren.

 

Auf der Grundlage der seit mehr als einem Vierteljahrhundert gesammelten Erfahrungen und der heute verfügbaren indirekten Daten können potenzielle Zonen für die Schaffung solcher Ersatz-Staaten der Norden Kasachstans, Weißrussland, wiederum die Ukraine sowie die baltischen Staaten werden, obwohl letztere Mitglieder der NATO sind.

 

Alle diese Staaten sind einzeln betrachtet militärisch schwach. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist, dass in ihnen ein beträchtlicher Anteil russischsprachiger Minderheiten lebt, die leicht zum Gegenstand von Informationsmanipulationen des Kreml werden kann. Und im Bewusstsein eines bedeutenden Teils der russischen Bevölkerung ist durch die Kreml-Propaganda die These verankert, dass diese Staaten und ihre Territorien "legitime Länder des historischen Russlands" sind.

 

Wie aus der Geschichte des Beitritts der Krim zu Russland klar ersichtlich ist, können offene Annexionen und eine neue Grenzziehung, wenn sie erfolgreich umgesetzt werden, eine Welle des Sozialchauvinismus auslösen, der für einen beträchtlichen Zeitraum die bestehende Macht trotz sinkenden Lebensstandards und Angriffen auf die demokratischen Freiheiten stärkt.

 

Ein weiterer, viel bedeutenderer Teil der „Front“, an der der russische Imperialismus seine Kräfte misst, ist der Nahe Osten im Allgemeinen und Syrien im Besonderen. Auch Versuche, Märkte, Ressourcen und Rohstoffquellen auf dem afrikanischen Kontinent in die zwischenimperialistische Umverteilung einzubringen, sind sichtbar.

 

Der formale Grund für die Teilnahme an dem syrischen Abenteuer war die Bitte des Assad-Regimes um Unterstützung der Russischen Föderation im Kampf gegen den „internationalen Terrorismus“ in der Gestalt des IS und anderer radikaler muslimischer Gruppen. Russlands Propaganda stellte die lächerliche These auf, dass Radikale, wenn sie nicht „auf Distanz“ gestoppt werden, unweigerlich in Russland auftauchen und den Kaukasus und die muslimischen Regionen der Wolgaregion losreißen werden.

 

Die Frage nach der Herkunft und Bildung dieser radikalen Organisationen, ihrer Finanzierung und der regelmäßigen Versorgung mit Waffen und Menschen ist noch offen. Es bestehen große Zweifel daran, dass diese Struktur, die buchstäblich aus dem Nirgendwo entstand, in der Lage war, selbständig auf die Größe eines mittleren europäischen Staates zu wachsen und die Angriffe der „Anti-Terror-Koalition“, die die führenden Militärmächte der Region und der Welt umfasste, erfolgreich abzuwehren. In Wirklichkeit aber kämpfte der „Staat“ nicht so sehr gegen die „Kreuzritter“ und „Zionisten“, was auf seinen Flaggen stand, sondern gegen die nationale Bewegung der Kurden und anderer gemäßigter syrischer Gruppen demokratischen Charakters.

 

Dennoch waren die Mitglieder dieser in Russland verbotenen Organisation, indem sie den Welt-Informationsmarkt regelmäßig mit blutrünstigen Berichten über abgeschnittene Köpfe, Steinigungen und andere mittelalterliche Gräuel versorgten, selbst ein geeigneter Vorwand für Russland, eine ganze Reihe von Kolonialkriegen zu entfesseln, deren Ende und Grenzen in naher Zukunft nicht sichtbar ist.

 

Aber nicht nur in Syrien, wo sich die Strukturen des Verteidigungsministeriums und anderer Sicherheitsorgane legal angesiedelt haben, hat der russische Imperialismus sich einen eigenen Brückenkopf geschaffen. Heute, viel öfter als früher, beschränkt sich die herrschende Elite in Russland überhaupt nicht mehr auf formelle zwischenstaatlichen Abkommen, sondern handelt in diesem oder jenem Land ungeniert mittels so genannter PMCs - privater Militärunternehmen.

 


Es ist bemerkenswert, dass in Russland selbst die Arbeit für solche „Firmen“ strafrechtlich verfolgt wird und eine beträchtliche Gefängnisstrafe droht. Dennoch sind russische PMCs seit langem in Libyen, Madagaskar, der Zentralafrikanischen Republik, Mosambik, Angola, Venezuela und anderenorts zu sehen.

 

Diese halbfaschistischen Formationen vom Typ der "Paramilitärs" werden mit verarmten, lumpenproletarischen jungen Bewohnern der russischen Provinz aufgefüllt. Ihre Kämpfer stammen von Orten, in denen man von einem Gehalt von 300 Euro nur träumen kann, wo die Menschen von einer ungezügelten Polizei unterdrückt werden, wo kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Die Teilnahme an PMCs ist oft die einzige Möglichkeit für junge Menschen, "die Welt zu sehen" und aus dem dumpfen Alltag, der Not und der Existenz am Rande des Hungers herauszukommen.

 

Das Entstehen privater Armeen, die weltweit im Interesse der Monopole finanziert werden und operieren, ist ein wichtiges Zeichen für den Eintritt des russischen Imperialismus auf die Weltbühne. Denn – egal, hinter welchen schrecklichen Geschichten über den „internationalen Terrorismus“ sich die Organisatoren militärischer Abenteuer in Syrien und anderswo verstecken mögen, wir wissen:

 

In Wirklichkeit aber ist das ein Krieg zwischen zwei Gruppen von räuberischen Großmächten um die Aufteilung der Kolonien, um die Versklavung anderer Nationen, um Vorteile und Privilegien auf dem Weltmarkt. Es ist der reaktionärste aller Kriege, es ist ein Krieg der modernen Sklavenhalter für die Aufrechterhaltung und Festigung der kapitalistischen Sklaverei“. (W. I. Lenin. „Über den Krieg. Aufruf“. W. I. Lenin Werke. Bd. 21, Seite 372).

 

Ein weiterer wichtiger Hebel für die Aktionen des russischen Imperialismus außerhalb der Russischen Föderation sind die russische Propaganda und Aktivitäten durch Informationstechnologie in der ganzen Welt.

 

Die russische Propaganda sollte als ein sehr effektives und erfolgreiches, professionell hergestelltes Produkt anerkannt werden, das das Denken und die Entscheidungen auf der ganzen Welt beeinflusst. Ihr alltäglicher Konsument hat mehrere Konturen.

 

Der Hauptempfänger sind natürlich die Millionen russischsprachigen Menschen, die sich in den letzten 30 Jahren über die ganze Welt verteilten. Dort, wo sie stark konzentriert sind, wie in Deutschland, Lettland oder Israel, ist diese Propaganda des Kreml in der Lage, die Ergebnisse von nationalen Wahlen, die Situation im Allgemeinen und die Stimmung auf den „Straßen“ im Besonderen ernsthaft zu beeinflussen.

 

Ein weiterer wichtiger Adressat sind die Mitglieder verschiedener radikal-nationalistischer Organisationen mit fremdenfeindlicher Ausrichtung. Es ist sogar von einer gewissen Schwarzen Internationale die Rede, die von der Russischen Föderation ausgehalten wird. Ihre berühmtesten Mitglieder: Nationale Front von Marie Le Pen in Frankreich, Alternative für Deutschland, Lega Nord in Italien, Jobbik in Ungarn. Die Führer der Schwarzen Internationale sind häufig finanziell direkt von Moskau abhängig, aber ihre einfachen Mitglieder sind ideale und kostenlose Boten migrantenfeindlicher Gefühle. Das Ziel der von den kremlfreundlichen Medien gestarteten Kampagne gegen Migranten ist es, den mit ihm konkurrierenden europäischen Imperialismus zu zerstören oder zumindest zu schwächen und die Existenz der westlichen Demokratie selbst zu gefährden.

 

Der dritte Kreis ist die linke so genannte „progressive“ Öffentlichkeit. Das sind Träger der kleinbürgerlichen Denkweise und Figuren, Sympathisanten revisionistischer Parteien und Gruppen. Sie träumen spontan vom Sozialismus und behandeln deshalb die UdSSR und ihren Sieg im antifaschistischen Kampf mit Nostalgie. Es wird paradox erscheinen, aber einige halten die Russische Föderation immer noch für einen legitimen Nachfolger der Sache der UdSSR, und alle allgemeinen Veränderungen, die seitdem in diesen beiden, eigentlich schon im Wesen unterschiedlichen Staaten stattgefunden haben, werden von ihnen ohne qualitative marxistisch-leninistische Analyse wahrgenommen. Die sich auch in diesem Umfeld auf viele historische Spekulationen stützende Putinsche Propaganda muss als sehr erfolgreich und effektiv anerkannt werden...

 

Und schließlich wird die Offensive im gesamten verfügbaren Cyberspace durchgeführt. Auch hier geht der russische Imperialismus in die Offensive, indem er „Trollfabriken“, Gruppen von Hackern, schafft, die sich, wo immer möglich, in die inneren Angelegenheiten entfernter und nicht so entfernter Länder einmischen, Wahlprozesse auf der ganzen Welt beeinflussen oder bedrohen. Man muss zugeben, dass auch hier die Offensive auf wirklich innovative, „bahnbrechende“ Weise geführt wird. Häufig führt bereits die hypothetische Möglichkeit einer russischen Intervention selbst, unabhängig von ihren Ergebnissen, zu schweren nationalen Krisen, wie es derzeit in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit der Wahl von Präsident Trump der Fall ist.

 

 

Aber ohne eine totale und vollständige Säuberung seines Hinterlandes wäre die aggressive außenpolitische Aktivität des russischen Imperialismus auf der ganzen Welt nicht möglich. Und das ist die Unterdrückung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die faktische Liquidierung von Parteien und unabhängigen Gerichten, die ständige Verletzung der Verfassung und außergerichtliche Bestrafungen öffentlich bekannter Aktivisten.

 

Die zügellose Schwarzhundertschaften-Ideologie ist der Hintergrund für alles, was hier vor sich geht. Einerseits wird eine weitere Klerikalisierung der Gesellschaft, vor allem durch die Russisch-orthodoxen Kirche und ihren Metropoliten immer wichtiger, andererseits wird etwas Neues aufgebaut, als dessen Grundlage bereits die Geschichte des Zweiten Weltkriegs dient.

 

Die Russische Föderation ist durch die Bemühungen der beamteten „Historiker“ bereits zum einzigen Staat erklärt worden, der wirklich gegen den Faschismus kämpfte, als gäbe es keine Anti-Hitler-Koalition und Millionen aufrichtiger Mitglieder der Widerstandsbewegung. Es ist fast nie zu hören, dass wir in diesem Krieg nur dank dem sozialistischen System und der Kommunistischen Partei, die auf soliden marxistisch-leninistischen Prinzipien aufgebaut ist, bestehen konnten.

 

Diese Erscheinung wird von uns „Siegeswahn“ genannt, wenn die Menschen, die den für jeden anständigen Menschen heiligen Tag des 9. (8.) Mai feiern, nicht einmal wissen, wofür in diesen Jahren gekämpft wurde, wer der Feind und wer ein Verbündeter war, was die eigentliche Bedeutung des Sieges war. In seiner Rede zu Neujahr 2020 bezeichnete Wladimir Putin die Feier des 75. Jahrestages des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg als das wichtigste Ereignis des kommenden Jahres. Er erklärte dies, zusammen mit einer weiteren Portion von Drohungen, die mit dem Besitz einer bestimmten Wunderwaffe verbunden sind, die „viele erst noch schaffen müssen, aber wir schon haben!“ Das bedeutet, dass den Menschen in Russland eine Massenhysterie von „Wir können wiederholen“, Karneval mit in Militäruniformen eingekleideten Kindern im Alter von 5-7 Jahren und aberhunderten verbrannten Karton-Reichstagen bevorsteht.

 

Das wäre alles lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Viele beginnen bereits zu denken, dass es Putin war, der Hitler besiegt hat, und dass er das Hauptverdienst an der Niederlage und Zerstörung des Faschismus hat.

 

Und unterdessen, unter dem Knacken eines Knisterns über seine eigene Größe, gibt es einen Angriff auf die wirklichen Errungenschaften des Sozialismus, werden Fälle der medizinischen Pflichtversorgung reduziert, die elementaren demokratischen Freiheiten und Rechte der Arbeiter beschnitten.

 

W. I. Lenin wies darauf hin: Ohne politische Freiheit ist weder eine volle Entwicklung der Produktivkräfte in der modernen bürgerlichen Gesellschaft noch ein umfassender, offener und freier Klassenkampf, noch eine politische Aufklärung, Erziehung und Zusammenschweißung der Massen des Proletariats denkbar. Deshalb stellt sich das klassenbewußte Proletariat stets die Aufgabe, einen entschiedenen Kampf für die volle politische Freiheit, für die demokratische Revolution zu führen.(W. I. Lenin. „Die demokratischen Aufgaben des revolutionären Proletariats“. W. I. Lenin Werke. Bd. 8, Seite 513)

 

So stehen heute, wie auch vor mehr als 100 Jahren, die Aufgaben der Befreiung von der Klassenausbeutung und des Kampfes gegen die Gefahr eines totalen thermonuklearen Krieges, die der Putinismus als höchste Form und Quintessenz des russischen Imperialismus mit sich bringt, auf einer Stufe mit dem Kampf für demokratische Freiheiten und für menschliche und politische Rechte.

 

Dies wird nicht nur in den progressiven Kreisen Russlands, sondern auch in den Kreisen der eingefleischtesten Reaktionäre verstanden. Aus diesem Grund werden den Werktätigen immer wieder die letzten Krümel jener wirklichen Freiheiten genommen, die ihnen bis vor kurzem noch geblieben waren.

 

Am 15. Januar dieses Jahres startete Präsident Putin in seiner Botschaft an die Föderationsversammlung einen weiteren Angriff auf die Verfassung und damit auf die in ihr erklärten realen Rechte der Bevölkerung. Hier sind nur einige wenige Punkte, die vorgeschlagen werden, um sie zu seinen Gunsten zu „reformieren“.

 

- Russland zieht sich de facto aus vielen internationalen Verträgen und Konventionen zu den Menschenrechten zurück. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ist für russisches Territorium nicht mehr zuständig.

- Es besteht die große Wahrscheinlichkeit einer baldigen Aufhebung des Moratoriums für die Todesstrafe.

- Aktivisten, die aus Sicherheitsgründen und aus politischen Gründen gezwungen sind, das Land zu verlassen, verlieren ihr volles Wahlrecht.

- Die Rechte der Rechtsträger der Russischen Föderation werden erheblich beschnitten. (Das sind die Föderativen Republiken und autonomen Gebiete)

Und... und so weiter und so fort.

 

Auf dem Gebiet der Innenpolitik entwickelt sich das Leben in Russland genau in Übereinstimmung mit den Lehren der Klassiker des Marxismus über die Stärkung der Rolle der Monopole. Die Konzentration des Kapitals mit der Massenvernichtung des Kleinbürgertums und der mittleren Bourgeoisie geht weiter.

 

Allein im letzten Jahr wurden in Russland mehr als 290 000 Unternehmen eröffnet, und mehr als 600 000 Unternehmen stellten ihre Tätigkeit ein. Die Zahl der im Laufe des Jahres geschlossenen Unternehmen überstieg die Zahl der geöffneten Unternehmen um das 2,14-fache.

 

In 80 von 84 Regionen überstieg die Zahl der geschlossenen Unternehmen die Zahl der neuen Unternehmen, wie aus den Daten von FinExpertiza hervorgeht. Nach der Zahl der geschlossenen juristischen Personen war das Kaliningrader Gebiet führend: fast 7 000 Unternehmen wurden hier im Laufe des Jahres liquidiert und nur 1 500 eröffnet, und das trotz der in dem Gebiet tätigen Sonderwirtschaftszone, die die dort Wohnenden in den ersten sechs Jahren von der Vermögens- und Gewinnsteuer befreit.

 

Der Trend zur Beendigung der Geschäftstätigkeit erklärt sich aus einem Komplex von Gründen - "fehlende Verbesserung des Geschäftsklimas vor dem Hintergrund eines Kaufkraftverlusts der Bevölkerung und Probleme mit der Steuerverwaltung und den Steuern im allgemeinen. Die Steuerlast wächst, und es gibt nicht viele Sektoren in Russland, in denen die Rentabilität über dem Leitzins liegt. Die Rentabilität der Unternehmen sinkt auf ein kritisches Niveau.“

 

Die Hauptschwierigkeiten, mit denen die Unternehmen konfrontiert sind, sind die hohen Kreditzinsen, die den Zugang zu finanziellen Ressourcen einschränken, das Fehlen notwendigen Fertgkeiten bei der Geschäftsführung, der Personalmangel sowie der erschwerte Zugang zu den Absatzmärkten aufgrund der Dominanz der Monopole.

 

Am häufigsten werden Unternehmen in den Bereichen Logistik, Tourismus, Verbraucherdienstleistungen, Gastronomie und IT geschlossen; sie „leben“ im Durchschnitt nur bis zu fünf Jahre und der Hauptgrund für die Liquidation ist die große Konkurrenz. Die „Langlebigen“ in der Wirtschaft sind Unternehmen in Bereichen mit wenig Wettbewerb, wie z.B. Unternehmen im militärisch-industriellen und Komplex oder Organisationen, die mit dem Staatsbudget arbeiten. D. h. eine weitere Beschleunigung des Prozesses der Verstaatlichung, der Monopolisierung findet statt.

 

Vor dem Hintergrund all dieser Prozesse vollzieht sich in Russland eine echte Umweltkatastrophe. Hier sind die offiziellen Daten der Rechnungskammer der Russischen Föderation:

 

Die Umweltsituation in Russland ist nach wie vor ungünstig und verschlechtert sich weiter: Kumulierte Probleme und der Klimawandel können dazu führen, dass die Wirtschaft in den nächsten 10 Jahren 30 % des BIP verliert.

 

Heute sind alle Flüsse Russlands verschmutzt, und fast 40% der Bevölkerung atmen verschmutzte Luft ein. Das sind 56 Millionen Menschen aus 143 Städten, deren Gesundheit gefährdet ist.

 

Der Gehalt an schädlichen Verunreinigungen nimmt weiter zu, vor allem im asiatischen Teil Russlands. Die Luftverschmutzung steht im Zusammenhang mit etwa 7% der Todesfälle durch Lungenkrebs, 18% durch Lungenerkrankungen, 20% durch Schlaganfälle und 34% durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

 

Noch schlimmer ist die Situation bei den Wasserressourcen. Die Industrie arbeitet mit veralteten und wasserintensiven Technologien, und 88% des Abwassers wird ohne Behandlung in die Flüsse eingeleitet. Dabei verfügen 95% der ländlichen Siedlungen über keinerlei Abwasserbehandlungsanlagen.

 

Im Land haben sich 30 Milliarden Tonnen Produktions- und Verbrauchsabfälle angesammelt. Jährlich steigt ihr Volumen um 4 Milliarden Tonnen, davon 55-60 Millionen Tonnen feste Siedlungsabfälle. Die Fläche der Deponien im ganzen Land hat 4 Millionen Hektar erreicht (dies entspricht in etwa der Fläche von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein mit Berlin zusammen) und wächst um 300.000-400.000 Hektar pro Jahr.

17 Millionen Menschen leben unter täglicher Lebensgefahr in unmittelbarer Nähe zu 340 Mülldeponien.

 

„Die Menge der Siedlungsabfälle steigt so schnell, dass in 6 Jahren keine Deponien mehr für ihre Beseitigung übrig bleiben werden, und in einigen Republiken und autonomen Gebieten wird dies viel früher geschehen“ - warnt die Rechnungskammer

 

Neben dem menschlichen wirkt auch der Faktor Klima: Die Erwärmung in Russland ist 2,5 Mal schneller als der Durchschnitt auf der Erde. Dies führt zu Dürren in der Landwirtschaftszone und zum Schmelzen des Permafrosts, was wiederum die Gefahr von außerordentlichen Notfällen für die Infrastruktur mit sich bringt.

 

Im Vergleich zu den 1970-er Jahren hat die Tragfähigkeit der Böden in der Permafrostzone im Durchschnitt um 17% abgenommen, und in einigen Regionen bis zu 45%, zitiert die Statistik der Rechnungskammer: gefährliche Verformungen treten bei Eisenbahn-, Straßen- und Pipelineobjekten auf.

 

„Die Kosten der Schäden durch klimatische Ereignisse für den Zeitraum bis 2030 können sich auf 2-3% des BIP pro Jahr belaufen, und in einigen Gebieten 5-6% des Bruttoregionalproduktes“, sagt die Rechnungskammer.

 

Das Jahr 2019 verlief vor dem Hintergrund mächtiger „Müllskandale“. Die Bewohner des Nordens Russlands konnten ihr Territorium gegen die Errichtung einer Deponie von Moskauer Müll verteidigen. Von nun an ist Schijes ein Synonym für den Umweltkampf.

Es war ein kleiner, aber wichtiger Sieg, der Hoffnung macht für die Zukunft.

 

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