Lenin und der Imperialismus
Im Kommunistischen Manifest erklären Marx und Engels die Internationalisierung des Kapitalismus in seinem frühesten Stadium wie folgt:
"Das Bedürfnis nach einem immer größer werdenden Markt für ihre Produkte treibt die Bourgeoisie bis an den letzten Winkel der Erde. Überall muss sich die Bourgeoisie einnisten, überall muss sie sich niederlassen, überall muss sie Verbindungen knüpfen. …. Durch die Ausbeutung des Weltmarktes hat die Bourgeoisie der Produktion und der Konsumtion in allen Ländern einen kosmopolitischen Charakter gegeben."1
Heute ist es eine sehr kleine Zahl internationaler imperialistischer Monopole, die die kapitalistische Gesellschaft prägen und den internationalen Wirtschaftskurs bestimmen. Diese Etappe des Kapitalismus veranlasst uns Marxisten-Leninisten, das Problem in einer aktualisierten und detaillierteren Weise zu analysieren. Die imperialistische Phase des Kapitalismus lässt sich nicht auf einige wenige imperialistische Länder von vor 100 Jahren beschränken und kann nicht wie damals analysiert werden. Wir müssen neue Entwicklungen in unsere Theorie einfließen lassen und unsere Strategie und Taktik für die Verwirklichung der internationalen sozialistischen Revolution entsprechend den sich neu entwickelnden gesellschaftlichen Phänomenen festlegen.
Der Imperialismus ist ein Phänomen, das dem Kapitalismus eigen ist. So wie die freie Konkurrenzfähigkeit einer bestimmten (ersten) Stufe der kapitalistischen Wirtschaft entspricht, ist der Imperialismus, in Lenins Worten, eine "höhere Stufe" des Kapitalismus. Mit anderen Worten: Der Imperialismus ist kein von der Bourgeoisie freiwillig herbeigeführtes Phänomen, sondern steht in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft und ist die höchste Stufe des Kapitalismus.
Die objektive Dialektik der kapitalistischen Wirtschaft, unabhängig von den Wünschen der Einzelnen, hat den Kapitalismus in das Monopolstadium, d.h. in das imperialistische Stadium gebracht. Deshalb sagte Lenin, dass "der Imperialismus die Schwelle zur sozialen Revolution des Proletariats ist", und dies wurde durch die sozialistischen Revolutionen bestätigt. Die Periode der freien Konkurrenz des Kapitalismus liegt weit zurück. Und genau aus diesen Gründen ist unser Zeitalter das Zeitalter des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen.
Lenin sagt genau das Folgende:
"... währendedie Entstehung der Monopole infolge der Konzentration der Produktion überhaupt ein allgemeines Grundgesetz des Kapitalismus in seinem heutigen Entwicklungsstadium ist.“2
Der Imperialismus im eigentlichen Sinne entstand mit der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, d. h. mit ihrer Monopolisierung und vollständigen Internationalisierung. Er entstand durch die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital, durch den Aufstieg des Finanzkapitals, durch die Konzentration des Kapitals in wenigen Händen, d.h. durch die intensive Monopolisierung der Produktions- und Kapitalsphäre. Dies wurde, in den Worten Lenins, durch "die Entwicklung der Industrie und die monumentale Konzentration der Produktion" hervorgerufen. Die Monopole haben ihre bürgerliche Diktatur über die Massen durch die kapitalistischen Staaten errichtet. Die Monopolisierung des Kapitalismus ist die Essenz der imperialistischen Wirtschaft.
Lenin erklärt das wirtschaftliche Wesen des Imperialismus kurz und bündig wie folgt:
"Wir haben gesehen, daß der Imperialismus seinem ökonomischen Wesen nach Monopolkapitalismus ist. Schon dadurch ist der historische Platz des Imperialismus bestimmt, denn das Monopol, das auf dem Boden der freien Konkurrenz und eben aus der freien Konkurrenz erwächst, bedeutet den Übergang von der kapitalistischen zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation. "3
Ein weiteres Merkmal des imperialistischen Systems ist seine absolute Tendenz zu ungleicher Entwicklung zwischen den kapitalistischen Ländern. Daher ist die Suche nach Gleichheit zwischen den Imperialisten von vor 100 Jahren und den neuen imperialistischen Ländern irreführend und wird dem wirtschaftlichen Wesen des imperialistischen Systems nicht gerecht.
Lenin stellt in seinem Artikel Über die Idee der Vereinigten Staaten von Europa fest:
"Unter dem Kapitalismus ist ein gleichmässiges Wachstum in der ökonomischen Entwicklung einzelner Wirtschaften und einzelner Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es keine anderen Mittel, das gestörte Gleichgewicht von Zeit zu Zeit wieder herzustellen, als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik."4
Den Imperialismus als eine rein politische Tendenz zu betrachten oder das kapitalistische System als ein freiwilliges Phänomen zu behandeln, wie etwa „die Imperialisten werden nicht zulassen, dass halbkoloniale Länder imperialistisch werden“, bedeutet, den grundlegendsten Aspekt des Problems zu ignorieren, nämlich den wirtschaftlichen Aspekt (die Umwandlung des Kapitalismus in einen Monopolkapitalismus). In einer Zeit, in der sich die Produktion internationalisiert hat, sind alle kapitalistischen Volkswirtschaften untrennbar mit dem imperialistischen System verbunden und an internationale Monopole gekettet.
Im Jahr 2000 betrug das weltweite BIP 33,8 Billionen US-Dollar, während es sich 2021 auf 96,1 Billionen US-Dollar fast verdreifacht. Im Jahr 1960 lag diese Zahl bei 1,39 Billionen US-Dollar.5Und im Jahr 2023 wird das weltweite BIP 104,791 (etwa 105) Billionen US-Dollar betragen.6Das heißt, die monopolkapitalistische Wirtschaft ist nicht statisch, sondern befindet sich in einer kontinuierlichen Entwicklung. Diese Entwicklungen zeigen, dass der Kapitalismus, um es mit den Worten von Marx auszudrücken, "eine Welt nach seinem eigenen Bilde geschaffen hat". Und heute gibt es fast keine Länder des alten Typs, die als "halbfeudal" bekannt sind.
China, Russland, Indien, Brasilien, Südkorea, Mexiko, die Türkei, Iran, Südafrika, Indonesien, Argentinien, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind die neuen imperialistischen Länder. Und zu diesen imperialistischen Ländern sind nach meiner persönlichen Ansicht neue imperialistische Länder wie Malaysia, Singapur, die Philippinen, Thailand, Irland, Polen, Ungarn, Portugal und die Tschechische Republik hinzugekommen. Ihr Eintritt in die geteilten Märkte der imperialistischen Welt hat die zwischenimperialistischen Widersprüche weiter verschärft und die Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges (und Atomkrieges) noch früher ausgelöst. Und das imperialistische Gesellschaftssystem hat sich im Verhältnis zur Kapitalakkumulation und -konzentration verroht und bedroht durch die Zerstörung der Natur alle Lebewesen. Das kapitalistische imperialistische System ist völlig verrottet, und der Kapitalismus ist nicht in der Lage, eine arbeitende Bevölkerung zu produzieren.
Insbesondere ein Ansatz wie "der Rest ist nicht so wichtig" ist eine Haltung, die den Massen und insbesondere der Arbeiterklasse den wahren Charakter der Bourgeoisie des eigenen Landes verheimlicht.
Diejenigen, die die Tatsache nicht anerkennen, dass ihr eigenes Land imperialistisch ist, gehen meines Erachtens dogmatisch vor. Sie luafen Gefahr, früher oder später zum Sozialchauvinismus überzugehen.
1 Marx-Engels, Manifest der Koünistischen Partei,GW, Bd. 4, S. 465-466Dietz Verlag Berlin 1977
2Lenin, GW, Bd. 22, S.204, Dietz Verlag Berlin 1970
3Lenin, ebene, S. 304
4Lenin, GW, Bd. 21 S. 344-345, Dietz Verlag Berlin 1973
5https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD
6https://www.statista.com/statistics/268750/global-gross-domestic-product-gdp/