Seminar »Lenins Lehren sind lebendig« Block 4

Lenin und die nationale Befreiung

UoC Zypern, (Union der Zyprioten), 

Die „nationale Frage“ nimmt einen zentralen Platz in Lenins Lehren ein und steht inmitten der Frage des Imperialismus und der Revolution.

“Soziale Revolution”, sagt Lenin, “kann nicht kommen, außer als eine Epoche des Bürgerkriegs des Proletariats gegen die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Ländern, kombiniert mit einer ganzen Reihe demokratischer und revolutionärer Bewegungen, einschließlich Bewegungen für die nationale Befreiung, in den unentwickelten, rückständigen und unterdrückten Nationen.”...

Denn, wie Marx und Engels gelehrt haben, ist die nationale Frage für beide Seiten ein Joch.

Wie Marx sagte: „Eine Nation, die eine andere unterdrückt, kann niemals frei sein“, und wie Engels erklärte: „Die irische Geschichte zeigt, wie verheerend es für eine Nation ist, wenn sie eine andere Nation unterworfen hat. Alle Grässlichkeiten Englands haben ihren Ursprung im Schoße Irlands... die Dinge wären anders in England gekommen, wenn nicht die Notwendigkeit der militärischen Herrschaft in Irland und die Schaffung einer neuen Aristokratie dort gewesen wäre.“...

Genau deshalb sagte Marx: „Die englische Arbeiterklasse wird nie etwas erreichen, bevor sie nicht Irland losgelassen hat. Dasselbige muss auf Irland angewendet werden.“...

Lenin, der beste Schüler von Marx und Engels, nimmt diesen Punkt auf und unterscheidet deutlich zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten. Er unterschied deutlich zwischen dem Nationalismus der Großrussen und -britannier und dem Nationalismus der Polen und Iren. Diese Unterscheidung, schrieb er 1915, ist „die Essenz des Imperialismus.”

Was den Nationalismus betrifft, so spricht Lenin von zwei Tendenzen innerhalb der kapitalistischen Entwicklung: „Kampf gegen alle Formen der nationalen Unterdrückung“ und „Für ‘nationale Märkte’ in nationale Staaten...”

Im Zeitalter des Imperialismus und der Revolution, sprich, im Zeitalter Lenins, die „nationale Frage“ zu minimieren oder zu ignorieren, ist der größte Sumpf in den man fallen kann. Genau dort konvergieren der Chauvinismus der Unterdrückernation und der Liberalismus. Die „nationale Frage“ wird dann leicht unter Ökonomismus oder liberale Identitätspolitik gekehrt.

Heutzutage erscheint der abstrakte Diskurs über „Arbeiterrechte“ und „Bruderschaft der Völker“ als farbenblinder Rassismus.

Das Zeitalter des Imperialismus ist ein Zeitalter, in dem ein abstrakter und hohler, falscher Diskurs über „Internationalismus“ leicht als Waffe gegen unterdrückte Nationen verwendet wird. Der simpelste Ansatz ist derjenige, der im Namen des „Internationalismus“ behauptet,
„alle Nationalismen seien gleich“ oder „dass es keinen Unterschied zwischen dem Nationalismus des Unterdrückers und der unterdrückten Nation gibt.“

Hier müssen wir uns auf Lenin beziehen:

Das abstrakte Vorführen der Frage des Nationalismus allgemein, ist überhaupt unnütz. Man muss unbedingt zwischen dem Nationalismus einer Unterdrückernation und dem einer unterdrückten Nation, dem Nationalismus einer großen Nation und dem einer kleinen Nation unterscheiden. ...

... so haben wir, Angehörige einer großen Nation uns in der geschichtlichen Praxis, fast immer einer Unzahl Gewalttaten schuldig gemacht. (...)

Aus diesem Grund muss der Internationalismus seitens der Unterdrücker oder "großen" Nationen, wie sie genannt werden (obzwar sie groß nur durch ihre Gewalttaten, nur groß als Peiniger sind), darin bestehen, nicht nur die formalen Gleichheit der Nationen zu beachten, sondern auch solch eine Ungleichheit anzuerkennen, die seitens der unterdrückenden Nation, der großen Nation, jene Ungleichheit aufwiegt, die sich faktisch im Leben ergibt.

Wer das nicht begriffen hat, der hat die wirklich proletarische Einstellung zur nationalen Frage nicht begriffen, der ist im Grunde auf dem Standpunkt des Kleinbürgertums stehengeblieben und muss deshalb unweigerlich ständig zum bürgerlichen Standpunkt abgleiten.

(Lenin – “Zur Frage der Nationalitäten oder der ‘Autonomisierung’ (Fortsetzung)”, Zitatverweis nicht im Original)

Um echte Gleichheit jenseits der nur formalen Gleichheit zu gewährleisten, schlägt Lenin Maßnahmen zugunsten der unterdrückten, kleinen Nation auf Kosten der Unterdrücker, großen Nation vor.

Ja, wir sind alle Brüder und Schwestern, aber dafür müssen wir zuerst gleich sein!

Ja, wir sind alle Soldaten unserer Klasse, aber nur wenn wir zuerst das Joch des Chauvinismus der Unterdrückernation abwerfen!

Und Ja, wir alle werden durch Internationalismus gerettet, aber nur wenn wir zuerst die Geschichte gegen die unterdrückenden Nation wenden!

Die Unterscheidung zwischen Unterdrücker und unterdrückter Nation, die Lenin so deutlich machte, unter den Teppich des „alle Nationalismen sind gleich“ zu kehren, ist nichts anderes als Fürsprecher für die Unterwerfung unterdrückter Nationen zu spielen.

Für Lenin ist es unerlässlich, zwischen dem Unterdrücker und der unterdrückten Nation zu unterscheiden. In diesem Zusammenhang, um Lenin’s Worte zu gebrauchen, muss das Programm des Sozialismus zur nationalen Frage ein Programm auch „in spezieller Bezugnahme auf die Feigheit und Heuchelei der ‘Sozialisten’ in den unterdrückenden Nationen“ sein.
(Lenin – “Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen”, Zitatverweis nicht im Original)

Die Unterscheidung zwischen Unterdrücker und unterdrückten Nationen ist nicht abstrakt, sondern konkret, und sie bestimmt die Haltung, die gegenüber ungerechten Kolonialkriegen und gerechten nationalen Befreiungskämpfen eingenommen werden soll.

Nehmen wir uns einige historische Beispiele :

Im Jahre 1839-42 bezeichnete Marx den Krieg gegen Afghanistan als schändlich und verteidigte Afghanistan. Im Jahre 1856-57 stellte sich Marx in Großbritannien’s Krieg gegen den Iran auf die Seite des Iran. Im „Zweiten Opiumkrieg“ der Europäer gegen China im Jahre 1856-59 zögerten Marx und Engels nicht, die Chinesen zu verteidigen. Sie unterstützten ebenso den indischen „nationalen Aufstand“ von 1857-59 gegen den britischen Kolonialismus. Marx und Engels waren gegen den französischen Kolonialismus in der Kampagne von Bonaparte III. gegen Mexiko 1861-67. In der Urabi-Revolte gegen Großbritannien in Ägypten im Jahre 1882, ergriffen Marx und Engels die Seite der Ägypter. Im Jahr 1900 lehnte Lenin die Beteiligung russischer Truppen unter den imperialistischen Truppen gegen den Boxeraufstand in China ab. In Marokko unterstützte die Kommunistische Internationale den Aufstand gegen die Franzosen und Spanier 1921 unter der Leitung von Abd el-Krim, der bis 1926 andauerte.

Wir könnten mit weiteren Beispielen bis zur jüngsten Geschichte fortfahren. Diejenigen, die von den marxistischen Lehren abgewichen sind, haben sich in allen Kriegen seit dem Golfkrieg "neutral" gehalten und verwirren die Unterscheidung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten.

Wenn wir die Unterscheidung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten verwechseln:

Verraten wir den palästinensischen nationalen Befreiungskampf. Bleiben wir zu „neutral“ zwischen den besetzenden Siedler-Terroristen und dem einheimischen Widerstand ...

Können den Kampf um die Existenz der indigenen Menschen in der französischen Kolonie Neukaledoniens nicht begreifen, die heute gegen den Siedlerkolonialismus dort kämpfen.

Würden wir von den Kurden, deren Sprache verboten ist, erwarten sich dem türkischen Nationalismus unter dem Deckmantel der „Bruderschaft der Völker“ unterzuordnen.

Wir sehen indes die vollständige Verdrängung der indigenen Bevölkerung in Puerto Rico durch die USA, um ihm eine neue Gestalt zu schaffen, und die indigene Bevölkerung durch einen bloß „neoliberalen Prozess“ zu ersetzen, der überall geschieht.

Zypern ist seit 50 Jahren unter türkischer Besatzung; die Türkei hat ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus ihren Häusern mit der Pistole auf der Brust vertrieben und sie durch eine Kolonie von Siedlern der anatolischen Halbinsel ersetzt. Die Prozesse, die in Irland, Palästina, Neukaledonien, Kurdistan, Puerto Rico und vielen anderen Kolonien stattfanden sind mit Zypern eng verflochten. Wir kennen aus der Geschichte Zyperns die Unterscheidung zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten.

Wir müssen zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten unterscheiden, weil, wie Lenin sagte, dies „die Essenz des Imperialismus“ ist.