Anmerkung zu Differenzen auf der Zimmerwald-Konferenz 2.0

„Das palästinensische Volk leistet Widerstand ...“ – wer ist das „Volk“?

IA.RKP (Initiative für den Aufbau einer Revolutionären Kommunistischen Partei, Österreich), 

In der auch von uns unterstützten „Resolution der Zimmerwalderkonferenz 2.0 am 6. September 2025“ wurde die ursprüngliche Formulierung „Das palästinensische Volk leistet Widerstand…“ per Mehrheitsbeschluss in „Die unterdrückte Bevölkerung Palästinas leistet Widerstand…“ verändert (Punkt 15).

Ebenso wurde der Abänderungsantrag zu Punkt 3 „… Mord an der Arbeiterklasse und dem Volk …“ (ursprünglich nur „Mord an der Arbeiterklasse“) in der Formulierung „… Mord an der Arbeiterklasse und der breiten Masse der Bevölkerung…“ beschlossen. Deshalb möchten wir erläutern, warum wir den Begriff „Volk“ bzw. „Arbeiter:innenklasse und Volk“ für politisch korrekt und treffend halten und seine Ersetzung durch „Bevölkerung“ für eine politische Verwässerung.

Der marxistische Begriff „Volk“ umfasst unserer Meinung nach alle unterdrückten und ausgebeuteten Teile der Bevölkerung eines Landes (oder ggf. einer Region in Vielvölkerstaaten). In diesem Sinn können wir von Arbeiter/innenklasse und Volk (oder Volksmassen) sprechen, um über die kapitalistisch direkt ausgebeuteten Arbeiter/innen hinaus alle Teile der Bevölkerung zu nennen, die aufgrund ihrer politischen und ökonomischen Lage für den Kampf gegen Imperialismus und neokoloniale oder koloniale Unterdrückung mobilisiert werden können. Das betrifft vor allem das Kleinbürgertum, insbesondere die kleinbäuerliche Bevölkerung, kleine Handwerker und Händler. In manchen Ländern in neokolonialer Abhängigkeit gehören auch Klein(st)kapitalisten dazu – das muss für jedes Land und die aktuelle Klassenkampfsituation konkret analysiert werden.

In der Debatte um die Verwendung des Begriffs „Volk“ wurden zu mehreren Stellen im Resolutionsentwurf und Abänderungsanträgen verschiedene Argumente von Teilnehmer/innen dagegen vorgebracht, die u.M.n. alle nicht stimmen:

- So wurde behauptet, dass mit „Volk“ immer das Staatsvolk, also die gesamte Einwohnerschaft einschließlich der Bourgeoisie eines Landes gemeint sei.

- Weiters wurde betont, dass Lenin nie (im positiven Sinn) vom Volk gesprochen habe (vgl.z.B.LW21,S.303f.), oder dass schon Georg Lukacs 1924 den Volksbegriff als untauglich widerlegt habe.

- In einer Wortmeldung wurde gar behauptet, dass alle außer etwa 4% Bourgeoisie zur Arbeiter/innenklasse (bzw. Proletariat) gehören würden. (Dazu möchten wir auch auf unsere Klassenanalyse für Österreich verweisen, die auf <iarkp.wordpress.com/?s=klassenanalyse> nachzulesen ist.)

Wir möchten vermeiden, passende Zitate aus historischen Schriften zu bringen, weil wir wissen, dass verschiedene Organisationen damit nicht überzeugt werden können und jeweilige sogenannte „Klassiker“ wie Lenin, Stalin, Mao, Trotzki oder Bordiga unter den Konferenzteilnehmer/innen heftig umstritten sind. Aber wir möchten zu bedenken geben, dass der Begriff „Volk“ in revolutionär-kommunistischen Schriften völlig anders verwendet wird als von nationalistischen Reaktionären in imperialistischen Ländern.

Beispielsweise fand der von der Kommunistischen Internationale 1920 in Baku organisierte „Kongress der Völker des Ostens“ unter der Losung „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!“ statt. Daran nahmen ca. 1900 Delegierte aus Asien und Europa teil, zum ganz überwiegenden Teil Kommunist:innen, darunter Sinowjew, Radek, Kun (und auch der Österreicher Karl Steinhardt – Mitbegründer der KPÖ 1918 und der Komintern 1919).

Gerade durch die antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfe und die Volksbefreiungskämpfe seit den 1940er Jahren, die zur Errichtung einer Reihe von Volksrepubliken und Volksdemokratien führten und durch die zahlreichen Volkskriege seit den 1960er Jahren hat der Volksbegriff sowohl in der revolutionären Bewegung als auch in der breiteren Öffentlichkeit eine Wandlung im oben genannten Sinn erfahren.

Auch im alltäglichen Wortgebrauch ist die Kapitalistenklasse nicht mitgemeint, wenn „das Volk unzufrieden“ ist. Bei „Unruhen im Volk“ oder „Volksaufständen“ sind die Herrschenden klar vom Volksbegriff ausgeschlossen.

Jedenfalls möchten wir betonen, dass schon in der Gründungsresolution des „1. Weltkongresses der Einheitsfront ...“ vom September 2023 die „unterdrückten Völker“ ausdrücklich genannt werden. (https://www.united-front.info/ShowArticle?id=12)

Auch z.B. im „Aufruf zu einem Tag der Mobilisierung gegen die Kriege des Kapitals“ vom 24. Februar 2025 wird zur „Unterstützung des palästinensischen Volkes“ aufgerufen. (https://www.united-front.info/ShowArticle?id=31)

Wir sind jedenfalls davon überzeugt, dass die Ersetzung des Wortes „Volk“ durch „Bevölkerung“ keine Klärung oder gar Verbesserung der Formulierung unserer Sache bringt.

Arbeiter/innen aller Länder, vereinigt euch! Arbeiter/innen aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!

IA.RKP (Initiative für den Aufbau einer Revolutionären Kommunistischen Partei, Österreich)

iarkp.wordpress.com, ia.rkp2017@yahoo.com

September 2025