11 Jahre nach Suruç—Der Kampf für Gerechtigkeit geht weiter
Auch in diesem Jahr, 11 Jahre nach dem Suruç-Massaker, haben in zahlreichen Ländern Gedenkaktionen für die 33 Gefallenen stattgefunden. Im Juli 2015 machten sich dutzende Jugendliche auf den Weg nach Rojava. Ihr Versprechen lautete: „Gemeinsam haben wir es verteidigt, gemeinsam werden wir es wieder aufbauen!“. Unter diesem Motto haben revolutionäre Jugendliche aus der Türkei und Nordkurdistan eine Kampagne gestartet, mit dem Ziel eine Brücke zwischen der türkischen revolutionären Bewegung und der Rojava-Revolution zu schlagen. Nach der heldenhaften Verteidigung Kobanês und dem Sieg der revolutionären kurdischen Kräfte war es von entscheidender Bedeutung, die Rojava-Revolution zu verteidigen und die vom Krieg verwüsteten Gebiete wiederaufzubauen. Nach wochenlangen intensiven Vorbereitungen, bei denen unter anderem Spielzeug für die Kinder in Kobanê gesammelt wurde, machten sie auf den Weg nach Rojava.
Am 20. Juli 2015 sollte eine Pressekonferenz in der Stadt Suruç abgehalten werden, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Rojava entfernt. Doch während der Erklärung kam es zu einem Anschlag des IS, bei dem 33 Jugendliche ihr Leben verloren. Dieses Massaker war kein Zufall, sondern eine gezielte Zusammenarbeit zwischen dem türkischen faschistischen Chef-Regime und dem IS. Bis heute kämpfen die Angehörigen der Gefallenen, die sich in der „Initiative der Suruç-Familien“ zusammengeschlossen haben, für Aufklärung und Gerechtigkeit. Auch im 11. Jahr sind die Stimmen, derjenigen die Rechenschaft fordern nicht verstummt. Im Gegenteil, in diesem Jahr gab es sowohl in der Türkei, in Kurdistan und in Europa etliche Aktionen. Es ist klar, dass die Hinterbliebenen, sowie alle revolutionären, demokratischen und überhaupt fortschrittlichen Kräfte den Kampf niemals aufgeben werden, bis die Gerechtigkeit siegt. Bis heute wurde keiner der Täter ernsthaft zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen sitzen heute zahlreiche Revolutionäre in den türkischen Knästen, die das Massaker überlebt haben und bis heute physisch und psychisch verwundet sind. Ebenso werden, diejenigen die Gerechtigkeit fordern vom Staat eingeschüchtert oder bedroht. Doch alle Methoden des faschistischen Staats bleiben ohne Wirkung; ob in den Knästen oder auf den Straßen, überall war der unerschütterliche Geist des Widerstandes zu spüren.
In der Türkei und in Nordkurdistan wurden wie in jedem Jahr die Gräber der Gefallenen um 11:50, der Zeit des Anschlags 2015, besucht, um ihnen zu gedenken. In Istanbul, Bursa, Samsun, Amed, Mus, Elazig, Urfa, Mardin, Şirnak, Hakkari, Agri, Dersim, Wan und Hatay versammelten sich Angehörige, Freunde, Vertreter demokratischer und revolutionärer Organisationen, Gewerkschaften sowie Abgeordnete der DEM-Partei. Auch in vielen weiteren Städten der Türkei und Nordkurdistans wurden an diesem Tag zahlreiche Demonstrationen, Kundgebungen und Presseerklärungen abgehalten.
Vor dem Amara-Kulturzentrum, dem Ort an dem die 33 Traumreisenden in die Unsterblichkeit gingen, fand ebenfalls um 11:50 ein Gedenken statt. In den Redebeiträgen wurde bekräftigt, dass die revolutionäre Bewegung der Türkei trotz dieses schweren Angriffs und vielen weiteren Massakern und Schlägen des Staates nicht besiegt wurde. Für Ziel, eine Brücke zwischen der Türkei und der Rojava-Revolution, wird weiterhin gekämpft. In den Redebeiträgen wurde deutlich, dass das faschistische Chefregime trotz all seiner Einschüchterungsversuche, diese Brücke nicht sprengen konnte. Die Befreiung der Völker der Türkei geht Hand in Hand mit der der Völker Kurdistans. Die Träume der 33 jungen Menschen leben weiter. So wurde die Aktion mit der Parole beendet: „Es lebe die Geschwisterlichkeit der Völker!“
Auch in Rojava wurden in Kobanê, Qamislo und Hesekê Gedenkaktionen veranstaltet. Für die Menschen in Rojava hat das Gedenken an das Suruç-Massaker eine ganz besondere Bedeutung. Natürlich gibt es zahlreiche Massaker, die die Geschichte des widerständigen kurdischen Volkes prägen und, an die jährlich erinnert wird. Doch das Massaker von Suruç stellt einen entscheidenden Wendepunkt dar, denn es war faktisch eine Kriegserklärung des faschistischen Chefregimes gegen die revolutionäre kurdische Bewegung, gegen die Rojava-Revolution und alle Unterstützer. Darüber hinaus hat der Akt der praktischen Solidarität, den die revolutionären Jugendlichen damals zum Ausdruck brachten, einen sehr wichtigen Stellenwert für die Völker Rojavas, die bis heute ihre Revolution verteidigen. Gerade heute, in Zeiten in denen die Revolution so bedroht ist wie noch nie, ist das Gedenken an Suruç auch ein praktischer Aufruf zur internationalen Solidarität.
Bei einem Gedenken sagte eine junge Kommunistin aus Rojava: „Es ist in diesen Zeiten von großer Bedeutung, für Kurdistan einzustehen. Denn wir durchlaufen gerade eine entscheidende Phase. Die dschihadistischen Golani-Banden zwingen unserem Volk unter dem Deckmantel der ‚Integration‘ Kapitulation und Auslöschung auf. Die Bevölkerung von Rojava muss sich erheben und alles andere beiseite lassen. Individuelle Ressentiments, Schweigen – all das muss beiseite gelassen werden, dafür ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt ist die Zeit, sich zu organisieren. Jetzt ist die Zeit, für die Revolution in Rojava einzustehen. Deshalb sagen wir: Der Aufruf von Pirsûs (kurdischer Name der Stadt Suruç) lautet, für die Revolution einzustehen.“
Verschiedene revolutionäre Jugendorgansationen aus Europa haben in diesem Jahr die Initiative ergriffen, um die Geschichten der 33 Traumreisenden zu verbreiten. Ihr Gedenken ist gleichzeitig ein Versprechen den internationalistischen Kampf weiter zu führen.
In Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, Österreich und der Schweiz gab es Demonstrationen, Kundgebungen und kulturelle Veranstaltungen. Bei der Demonstration in Berlin ergriffen auch Vertreterinnen der People’s Caravan das Wort; sie haben sich in diesem Jahr auf den Weg nach Kobanê gemacht, um als Internationalisten die Rojava-Revolution in ihren schwierigsten Zeiten zu verteidigen. Sie unterstrichen, dass die Gefallenen von Suruç Vorbilder für alle Internationalisten bleiben und, dass die internationale Solidarität praktische Ausdrücke finden muss.